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Experimenteller Instrumentenbau

Programmtext für Musica Viva Konzert vom 24. 6. 1999

Die Instrumentalkultur der zeitgenössischen Musik besteht am Ende des 20. Jahrhunderts vorwiegend aus traditionellen akustischen und modernen elektronischen Instrumenten. Die akustischen Instrumente, die in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder modifiziert, weiterentwickelt, neu erfunden oder vergessen wurden, haben seit etwa hundert Jahren keine nennenswerten Veränderungen mehr erfahren. Die Entwicklung der elektronischen Instrumente dagegen schreitet in rasantem Tempo voran und lässt wertvollste Apparaturen, die kaum mehr als fünf Jahre in Betrieb sind, schon veraltet erscheinen.

In diesem Spannungsfeld zwischen einem kaum veränderlichen, traditionellen Instrumentarium, das das Ende seiner Hochentwicklung erreicht zu haben scheint, und einem elektronischen Instrumentarium, das neue und bessere Modelle im schnellen Rhythmus einer zukunftsweisenden Technologie hervorbringt, hat sich verstärkt seit 1970 eine neue Form des Instrumentenbaus herausgebildet. Weder Geigenbauer noch Computerexperten sind ihre Protagonisten, sondern Künstler: Musiker, Komponisten, Maler, Bildhauer, Architekten u. a. Sie konstruieren akustische, elektroakustische oder elektronische Klangerzeuger und Instrumente, die zunächst nur dazu bestimmt sind, in der jedem Künstler eigenen Klangwelt zu erklingen. Manche sind laienhaft und mit bescheidenen Mitteln, andere mit immensem technischen Aufwand und großer Perfektion hergestellt.

Die Wurzeln dieser Entwicklung verdichten sich in der Arbeit des amerikanischen Komponisten Harry Partch (1901-1976), der sich bereits Ende der 20er Jahre der Entwicklung eines rein gestimmten Tonsystems mit 43 Stufen in der Oktave verschrieb. Er konstruierte hierfür ein ganzes Ensemble von Instrumenten, für das er zahlreiche Musikstücke und Bühnenwerke komponierte. Ebenso wichtige Impulse für die späteren Generationen instrumentebauender Künstler gaben die instrumentalen Erfindungen und Manipulationen von John Cage (1912-1992). Seit 1939 verwendete er gefundene Materialien als Schlaginstrumente, entwickelte verschiedene Präparationen des Klaviers und zweckentfremdete zahlreiche elektrische Geräte zum musikalischen Gebrauch.

Auch einige der nachfolgenden Komponisten und bildenden Künstler, die sich mit der Entwicklung neuer Musikinstrumente beschäftigen, haben das spezialisierte Arbeiten in einer künstlerischen Disziplin weit hinter sich gelassen. Ihre Arbeit beginnt mit Forschungen an den Grundlagen der Klangerzeugung und führt über den Instrumentenbau, gegebenenfalls die Notation und Komposition bis hin zur Aufführung der eigenen musikalischen Werke. Damit steht sie im Widerspruch zum Grundsatz der Arbeitsteilung in der westlichen Kultur.

Volker Staub, 1997

 

 

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